„Der Synodale Weg sollte römischer sein“

Claus-Michael Lommer, Vorsitzender des CV-Rats.

Der Vorsitzende des CV-Rats begrüßt die Sorge Roms um die Einheit der Kirche und nimmt im Interview Stellung zu den jüngsten Positionierungen aus dem ZdK.

„Als Cartellverband der katholischen Deutschen Studentenverbindungen begrüßen wir, dass sich der Vatikan um die Einheit der Kirche sorgt“, betont der Vorsitzende des CV-Rats, Claus-Michael Lommer. Er reagiert damit auf die Stellungnahme des Vatikans zum Synodalen Weg in Deutschland. „Viele Kritiker in Deutschland werfen dem Synodalen Weg vor, dass er den weltkirchlichen Aspekt unserer Kirche zu wenig im Blick hat. Diese Sorge scheint der Vatikan zu teilen.“

Im Interview mit der CV-Onlineredaktion stellt sich Claus-Michael Lommer den Fragen von Heinrich Wullhorst zu den Themen, die aktuell für mediale Aufmerksamkeit sorgen.

In den vergangenen beiden Wochen gab es gleich zwei Mal eine große Aufregung rund um das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Die eine betraf die Äußerung der ZdK-Präsidentin Imre Stetter-Karp im Hinblick auf ihre Forderung, Abtreibungen flächendeckend zu ermöglichen und den Schwangerschaftsabbruch in der Medizinerausbildung stärker zu berücksichtigen. Für die zweite Aufregung sorgte die Nachricht aus Rom zum Synodalen Weg. Das sind sicherlich beides Themen, die auch den Cartellverband bewegen?

CML: Wir sind ein Verband von in der Kirche und in der Gesellschaft engagierten Katholiken. Da bewegen solche Themen auch unseren Verband und unsere Mitglieder. Das sehe ich dann auch an der Häufung von Mails und Anrufen.

Der CV ist immer nachdrücklich für den Schutz des Lebens von seinem Beginn bis zu seinem Ende eingetreten, wie sehr irritiert da die Positionierung der „obersten Laienkatholikin“?

CML: Die Positionierung irritiert insoweit nicht, als dass Frau Stetter-Karp nach dem Ausstieg der Deutschen Bischöfe aus der Schwangerenkonfliktberatung 1999 den Baden-Württembergischen Landesverband von „donum vitae“ gegründet hat. Ihre Grundposition sollte daher bekannt gewesen sein. Fairerweise muss man aber auch darauf hinweisen, dass es in ihrem Beitrag für Christ und Welt nicht nur um die Ausweitung der Möglichkeiten flächendeckender Abtreibungen ging. So hat sie sich für eine verbesserte gynäkologische Versorgung im ländlichen Raum ausgesprochen. Die Forderung kann man teilen, sollte sie allerdings nicht mit der Erweiterung der Optionen für Schwangerschaftsabbrüche verbinden. Darüber hinaus hat sich die ZdK-Präsidentin gleichzeitig gegen die Absicht von Bundesfamilienministern Paus gestellt, die Abtreibungspraxis in Deutschland weiter zu liberalisieren und betont, dass die Beratungspflicht des §218a StGB unter keinen Umständen in ihrer Substanz angetastet werden dürfe. Die Forderung das Thema Schwangerschaftsabbruch verbindlich in die Curricula des Medizinstudiums aufzunehmen, halte ich demgegenüber allerdings für problematisch. Eine Verpflichtung von Studentinnen und Studenten, Abtreibungstechniken verbindlich zu erlernen, sollte es nicht geben.

Wie müsste aus Sicht eines Verbandes, der aufgrund seiner Mitgliederstruktur der katholischen Kirche verbunden ist, die Forderung zum Umgang mit ungeborenem Leben lauten?

CML: Für uns als Cartellverband der katholischen Deutschen Studentenverbindungen ist die Positionierung klar. Wir sind für den unbedingten Schutz des Lebens von seinem Beginn bis zu seinem Ende. Nach der katholischen Lehre ist der Schwangerschaftsabbruch verboten, weil ein ungeborenes Leben getötet wird. Natürlich sind mit dem gesamten Thema schwerwiegende ethische Fragestellungen verbunden, insbesondere wenn das Leben der Mutter gefährdet ist, wobei man natürlich die gesellschaftliche Realität nicht aus dem Auge verlieren darf. Insoweit hat man sich in Deutschland schließlich auf einen politischen Kompromiss mit der aktuellen Regelung zum Schwangerschaftsabbruch geeinigt, der letztlich auch vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. An diesem Kompromiss sollte die Ampel-Regierung nicht rütteln. Die in Europa geführte Debatte, dass der Schwangerschaftsabbruch ein Grundrecht der Frau sei, verletzt sowohl das Lebensrecht des Kindes als auch das Mitbestimmungsrecht des an der Zeugung beteiligten Vaters. Diese Diskussion führt aus meiner Sicht in die falsche Richtung.

Ist es hilfreich, wenn die Präsidentin des verfassten Laienkatholizismus in Deutschland eine sehr persönliche Meinung kundtut, die im Widerspruch zur Position der Deutschen Bischofskonferenz steht? Werden dadurch nicht noch weitere Gräben in einer ohnehin sehr schwierigen Zeit für die Katholiken geschaffen?

CML: Man kann sich sicherlich die Frage stellen, ob jemand, der eine solche Position vertritt, die im Widerspruch zur Lehrmeinung der Kirche und zur Position der Deutschen Bischofskonferenz steht, geeignet ist, die katholischen Laien in Deutschland in ihrer unterschiedlichen Vielfalt zu repräsentieren. Aber die Menschen, die Frau Stetter-Karp demokratisch gewählt haben, haben sicher auch gewusst, wofür sie inhaltlich steht. Die Gräben im deutschen Laienkatholizismus wird das nicht weiter vertiefen, allenfalls die Gräben zwischen Deutschland und Rom.

Um Gräben und die Angst vor Spaltung geht es auch in der Auseinandersetzung um den Synodalen Weg. Wie schätzt der CV-Rats-Vorsitzende die Intention der aktuellen Stellungnahme aus dem Vatikan zum Synodalen Weg ein?  

CML: Was mich an dem Papier wundert, ist, dass aus dem Vatikan heraus ein Papier lanciert worden ist, ohne deutlichen Briefkopf, Datum und Unterschrift. Der Inhalt des Schreibens überrascht mich allerdings nicht, ich habe bereits zu einem früheren Zeitpunkt gesagt, dass ich der Auffassung bin, dass beim Synodalen Weg Themen behandelt und Lösungen vorgeschlagen werden, mit denen man beim Vatikan nicht durchdringen wird. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Synodale Weg zunächst einmal eingerichtet worden ist, um den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland zu klären, fragt man sich, wie man das über Strukturen, Machtverhältnisse und Mitbestimmungsrechte in den Griff bekommen will. Auch die Lebensform der Geistlichen ist nichts, worüber die Laien ein Bestimmungsrecht in Anspruch nehmen sollten. Die Kirche funktioniert eben nicht so wie ein großes Unternehmen, das einen Betriebsrat hat. Und deshalb glaube ich auch, dass der Synodale Weg in Deutschland ohne ein von Rom getragenes Ergebnis bleiben wird.

Inwieweit sind die Ziele der Synode mit dem Umstand kompatibel, dass es sich bei der Katholischen Kirche schon dem Wortsinne nach um eine allumfassende Kirche handelt, die nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern in der ganzen Welt wirkt?

CML: Der Synodale Weg in Deutschland ist entsprechend der deutschen Grundeigenschaften gestaltet. Wir Deutschen möchten unsere Vorstellungen immer gerne von oben gestempelt und gesiegelt sehen, dass alles festgezurrt in Paragrafen geregelt wird. Der Blick auf die verbindenden weltkirchlichen Elemente wird dabei ausgeblendet. Uns fehlt ein wenig von der Geschmeidigkeit, die das Katholisch-Sein in anderen Ländern und Kontinenten ausmacht. Deutschland will mit dem Kopf durch die Wand und Rom soll nach den Erwartungen des Synodalen Wegs die Ergebnisse auch noch absegnen. Es wäre sicher hilfreich, im kirchlichen Alltag gewünschte Erneuerungen eleganter und phantasievoller einzubringen. Ich glaube, dass es viele Möglichkeiten gibt, im deutschen Sinn zu agieren, ohne dass der Vatikan remonstriert.
Angebracht ist es aber sicherlich, dass sich Rom mit den Überlegungen aus Deutschland zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch befasst, weil dieser kein spezifisch deutsches Problem ist, sondern auch weite Teile der Weltkirche betrifft. Es wäre auch wünschenswert, wenn sich Rom in den entsprechenden Gremien mit den Erkenntnissen der humanbiologischen und sozialwissenschaftliche Wissenschaften befasst resp. diese umsetzt.

Wo sind inhaltlich die härtesten Bruchlinien, bei denen Forderungen erhoben werden, die Rom so nicht mitgehen kann und offenbar auch nicht mitgehen will?

Sicherlich dort, wo es darum geht, römische Zuständigkeiten zu beschneiden. Man will in Deutschland, und das hat ja auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bestätigt, keine andere kirchliche Lehre verbreiten. Aber man will Strukturen verändern und bei Entscheidungen Einfluss nehmen, die bislang Rom vorbehalten waren.

Kümmert sich der Synodale Weg zu viel um Macht und Strukturen und zu wenig um das eigentliche Problem der Verdunstung des Glaubens, wie es Cartellbruder Papst em. Benedikt XVI. einmal treffend beschrieben hat?

Das ist genau der Punkt. Das Wort Glaube kommt in den Papieren des Synodalen Wegs zu meinem großen Bedauern äußerst selten vor. Dabei sind der Glaube, die Freude am Glauben und seine Weitergabe das zentrale Element katholischen Lebens. Das betont auch Papst Franziskus immer wieder. Und dieses in das Zentrum zu stellen ist sicherlich eines seiner Ziele im Hinblick auf die Weltbischofssynode 2023. Nicht Geld und Strukturen sollten im Fokus der Kirche stehen, sondern der Glaube und seine Vermittlung. Wir müssen davon weg, dass Katholisch-Sein automatisch mit Missbrauch in Verbindung gebracht wird. Es bedeutet auch nicht, eingeengt und in Dogmen zu leben, sondern Katholisch-Sein ist die Begeisterung, die Sicherheit in der Liebe Gottes in Freude und in der Gemeinschaft den Glauben zu erfahren und zu leben. Und dieses positive Glaubensgefühl, diesen spirit müssen wir auch als Cartellverband in unseren Verbindungen vermitteln.

Immer wieder sehen Menschen die Kirche in Deutschland auf einem Weg in die Protestantisierung, andere befürchten ein Schisma und die Begründung einer Deutschen Katholischen Kirche? Wie lässt sich das verhindern?

Ich glaube nicht, dass es zu einem Schisma kommt. Papst Franziskus hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Wir brauchen keine zweite evangelische Kirche.“ Vielleicht sollte man einfach den synodalen Weg in Deutschland ein wenig römischer gestalten. Das heißt, gemeinsam die Spielräume ausloten, die für die Ortskirche möglich sind. Es heißt aber eben nicht, die Autorität Roms oder des Papstes in Frage zu stellen.