Predigt von Bischof Peter Kohlgraf (St)

Auf vielfachen Wunsch veröffentlichen wir hier auch noch die Predigt von Cbr. Bischof Perter Kohlgraf (St) beim Abschlussgottesdienst der Cartellversammlung im Bonner Münster.

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf
beim Festhochamt anlässlich der 136. Cartellversammlung des CV
Bonner Münster St. Martin, St. Cassius, St. Florentius, Sonntag, 19. Juni 2022, 10 h

Liebe Cartell- und Bundesbrüder, Schwestern und Brüder!

Braucht die Welt noch eine Kirche? – Nicht nur in sozialen Netzwerken tobt eine Debatte dazu. Nicht wenige verlassen die Gemeinschaft der Kirche, aus unterschiedlichsten Gründen, manche feiern einen derartigen Schritt öffentlich als längst überfällige Heldentat. Sie werden es mir nachsehen, wenn ich mich einer solchen Bewertung nicht anschließen kann. Zwar habe ich nicht über derartige persönliche Entscheidungen zu urteilen, aber ich will auch deutlich sagen, dass diejenigen, die sich bewusst in der Kirche engagieren, nicht die „Deppen“ sind.

Braucht die Welt noch eine Kirche? – Da dürften sich die Ansichten eines Bischofs stark von denen mancher Zeitgenossen erheblich unterscheiden. Man darf einmal in Kommentare im Internet schauen: Sobald von katholischer Kirche die Rede ist, setzt bei manchem ein sofortiger Beißreflex ein. Kirche und Geld, Kirche und Ereignisse der Kirchengeschichte wie Hexenverfolgung etc., Kirche und Missbrauch, und viele andere Themen. Besonders das Missbrauchsthema überlagert alles. Viel Vertrauen ist verloren gegangen, viele sind zu Recht enttäuscht, mancher sucht und findet Bestätigung für seine festen Vorurteile. Wenn ich als Bischof jetzt anfange, die Nützlichkeit der Kirche zu preisen, bin ich natürlich leicht in Gefahr, mich in eine Selbstrechtfertigung zu begeben nach dem Motto: All das ist schlimm, aber Kirche ist doch wichtig, sie bietet Caritas und Bildung, sie hilft, Werte zu vermitteln, ohne die unsere Gesellschaft nicht lebensfähig ist, und so weiter und so weiter. Viele Kritiker würden uns vorhalten, dass diese Angebote längst von anderen Anbietern geleistet werden. Dennoch darf man auch selbstbewusst sein. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Welt aussähe, ohne 2000 Jahre gelebten Christentums in unserer Kirche: Die Werke der Nächstenliebe, die heute oft auch von anderen Stellen übernommen werden, hat vor 2000 Jahren die Kirche begonnen, niemand sonst. Dass soziale Haltungen gegenüber Armen, Kranken, Obdachlosen, Hilfsbedürftigen mittlerweile zu unserem Kulturgut gehören, ist das Verdienst praktizierender Christinnen und Christen, jedenfalls nicht Produkt einer gottlosen Geschichte. Haltungen der Barmherzigkeit, Versöhnung und die Idee, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, gehen auf die biblische Botschaft zurück. Die vielen kleinen und großen Heiligen haben unsere Welt geprägt, bis heute tun sie dies. Selbst die durchaus kritisch zu bewertenden Renaissance-Päpste waren auf eigene Art Wegbereiter der Moderne. Umso schmerzlicher natürlich, dass dieses Evangelium immer wieder auch nicht gelebt wurde.

Ich bin davon überzeugt, dass manche Kritik an der Kirche, sofern sie sich an Sachfragen orientiert, tatsächlich geholfen hat und hilft, sich als Kirche selbst die Frage einmal zu stellen: Was ist denn unser Auftrag heute? Auch mediale kritische Berichterstattung und Recherche waren eine wichtige Grundlage, sich manchem schweren Thema in der Kirche aktiv auszusetzen. Die Skandale der letzten Zeit sind ein Beleg dafür, dass sich ein Ungeist in der Kirche breitgemacht hat, der uns erschrecken sollte und zur Umkehr ruft. Vor einiger Zeit waren es Finanzskandale, heute die erschütternden Meldungen etwa aus Limburg. Dann die Studien über den Missbrauch in den verschiedenen Diözesen, deren Ergebnisse viele Menschen erschüttern und erzürnen. Allerdings wage ich darauf hinzuweisen, dass gerade diese Studien zeigen: Wir wollen heute in der Kirche nicht mehr wegschauen. In den negativen Beispielen verschiedener Art zeigt sich ein kirchliches Selbstverständnis, dessen Folgen uns nun beschäftigen. Man hat Kirche als ein geschlossenes System gesehen, „wir machen die Sachen unter uns aus“. Kontrolle fand oft nicht statt, oder sie fand unprofessionell statt. Geld wird dann verwaltet nach Gutsherrenart. Es sichert die eigene Welt, in der man sich sicher zu bewegen glaubte. Kirchliches Vermögen aber ist das Vermögen der Gläubigen, das der Kirche anvertraut ist, um ihre Aufgaben in der Welt für die Menschen leisten zu können. Uns Bischöfen ist drastisch klargeworden, dass es so nicht weitergehen kann. Geld dient, Besitz dient, Macht dient. Nicht mir, nicht unserem System, sondern unserem Auftrag. Die Botschaft des Evangeliums kann nur glaubwürdig verkündet werden, wenn es uns in der Kirche nicht um den Systemerhalt geht, sondern um das Heil der uns anvertrauten Menschen. Dieses Umdenken gilt für das Bistum, und das muss heruntergebrochen werden auch auf die Gemeinden und andere kirchliche Orte. Braucht die Welt also noch eine Kirche? – im Moment ist die Zeit der Umkehr für uns. Als Kirche müssen wir uns unseres Auftrags in dieser Zeit vergewissern und uns klarmachen, dass wir selbst unter dem Anspruch des Evangeliums stehen.

Die Kirche muss nach ihrem Platz in der Welt und in der Gesellschaft fragen. Wenn ich Kirche als Gegen- oder Sonderwelt aufbaue, dann kommt es zu den Folgen der eben beschriebenen Haltung. Kirche verstand sich als societas perfecta, also als eine Welt eigener Gesetze. Was sie tut, was der Bischof tut, der Priester, der Pfarrer, wird dann unangreifbar. Wenn ich ihn kritisiere oder hinterfrage, stelle ich ja möglicherweise den Willen Gotte infrage. Es ist eine gute Entwicklung, wenn sich Kirche, der Bischof, der Priester und jede/r Glaubende nicht der Gesellschaft gegenüberstellt und seine Eigenwelt bildet, sondern wenn wir uns mehr und mehr als Teil unserer Gesellschaft verstehen lernen und mitten in der Welt das Evangelium zu leben beginnen. Dann müssen wir uns auch an die Regeln und Gesetze dieser Welt halten, sofern sie nicht dem Evangelium widersprechen. Dann darf es auch Kritik geben und Kontrolle. Dann ist die Begegnung zwischen Kirche und Welt keine Einbahnstraße, sondern ein Austausch zweier Partner. Und wir werden immer auch lernen müssen, die Zeichen der Zeit zu sehen, zu verstehen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Derzeit sind wir in kontroversen Debatten, was das konkret bedeutet. Natürlich ist das Evangelium nicht einfach eine Bestätigung jeder Meinung, die gerade aktuell ist, aber es ist auch keine Botschaft, die als erratischer Block starr weitergegeben wird, ohne ins Gespräch mit der Wirklichkeit dieser Welt zu gehen. Von akademisch gebildeten gläubigen Menschen kann hier ein starker Impuls ausgehen, den ich mir von unseren Studentenverbindungen in der Vielfalt der Professionen wünsche.

Papst Franziskus bringt hier das biblische Bild vom Volk Gottes ein. Kirche ist Volk Gottes, jeder einzelne ist ein Teil dieser Gemeinschaft. Bischof und Priester sind Teil dieses Volkes, sie haben leitende Funktionen, stehen aber nicht darüber. Jeder braucht den/die andere. Dieses Volk Gottes geht mitten durch diese Zeit, der Papst nennt es „ein Ferment Gottes“ inmitten der Menschheit. Christen sollen Sauerteig sein, und im Geist des Evangeliums den Geist der Gesellschaft prägen, bewegen, verwandeln. Da geht es um ganz alltägliche Verhaltensweisen, weniger um große Missionsstrategien. Wie rede ich über andere? Übernehme ich unkritisch jedes Urteil? Setze ich meine Meinung an erste Stelle? Und vielleicht lerne ich als Kirche dann von anderen etwas über menschliches Zusammenleben? Wir sind nicht in allen Fragen automatisch diejenigen, die alles besser können und wissen. Ferment zu sein ist Aufgabe jedes einzelnen Christen, jeder einzelnen Christin. Ferment sein, das geht in der Begegnung zwischen Menschen.

Der Papst hat die Hoffnung, dass wir glaubende Menschen Zeugen Jesu Christi sind, die Hoffnung in die Welt bringen, Antworten geben auf dringende Fragen, Menschen ermutigen, die keine Perspektive haben, Menschen in die Mitte holen, die sonst am Rande blieben. Selbstverständlich ist die Kirche unverzichtbar, wenn es darum geht, die Frage nach Gott wachzuhalten und an die Würde des Menschen vom Beginn bis zum Ende des Lebens in Erinnerung zu halten. Das geht aber tatsächlich nur, wenn wir auf den Straßen der Welt zu Hause sind. Jeder getaufte Christ, jeder getaufte Christin verfügt über Geistesgaben, die von Gott geschenkt sind, und die es zu leben gilt. Wie die Sonne ein Fenster, so braucht Gott jeden konkreten Menschen, der durchlässig ist für das Licht Gottes. Gott hat Menschen in der Kirche zu einer vielfältigen Gemeinschaft zusammengeführt. Gemeinschaft ist mehr als die Summe einzelner Individuen, die sich selbst genügen. Wir sind gerufen, gemeinsam in dieser Welt zu leben, dem Geist Gottes Raum zu geben, uns gegenseitig im Glauben und in der Liebe zu stärken.

Braucht es heute eine Kirche? Ja, ich glaube, dass die Welt die Kirche braucht. Nicht als societas perfecta, unberührt von den Fragen und Themen der Zeit, sondern berührt von den Menschen und ihrer Welt, und wie der Papst sagt, manchmal auch verbeult und etwas schmutzig. So hält die Kirche Gottes Gegenwart lebendig. Es wird sich zeigen, ob wir diese Wege auch dann gehen, wenn unsere Gewohnheiten und Sicherheiten hinterfragt werden und manches wegbricht, was noch selbstverständlich zu sein scheint. Wir sollten neu die Freude entdecken, geliebt und berufen zu sein. Dem CV wünsche ich Gottes Segen, Hoffnung und Mut, so dass wir gute und ernstzunehmende Gesprächspartner in den Themen der Zeit und des Glaubens bleiben.