Was wirklich wichtig ist im Leben

von Prof. Dr. Manfred Lütz (BvBo)

Diese Corona-Krise ist eine Herausforderung an unsere Freiheit, aber auch an unser Vertrauen auf Gott ...

Plötzlich ist alles anders. Hätte man vor 4 Monaten behauptet, in ganz Paris herrsche demnächst für unabsehbare Zeit Ausgangssperre, alle Restaurants, Bars, Theater zu, der Flughafen leer, die Grenzen dicht – man hätte das für ziemlich übertriebene Science Fiction gehalten. Da das jetzt aber überall so ist, empfindet man das inzwischen irgendwie als normal. Doch vielleicht ist die Situation tatsächlich normaler als sonst. Sonst lebte man sozusagen in einem permanenten Action-Film, wo lächerliche Nebensächlichkeiten über die Leinwand rasten, Sprüche von Geistesgrößen wie Oliver Pocher, Boris Becker und Heidi Klum zu Ereignissen hochgejazzt wurden und überhaupt alles dafür getan wurde, die kurze Lebenszeit, die jedem von uns geschenkt ist, nach Möglichkeit zu vertreiben, das nannte man dann „Zeitvertreib“, oder gar buchstäblich totzuschlagen. Und jetzt? Plötzlich ist der Film vorbei und es läuft die Wirklichkeit. Plötzlich kann keiner mehr darüber hinwegsehen, dass wir alle sterblich sind und die unwiederholbare Lebenszeit, die jeder von uns hat, kostbar ist. Jeder hat jetzt Zeit, ein Mensch oder ein Unmensch zu sein, er kann sich an die Regeln halten, an seine Mitmenschen denken, er kann beten. Oder er kann rücksichtslos egoistisch leben, selbstmitleidig in der eigenen Angst baden oder zynisch verkünden, jetzt sei sowieso alles egal. Die Corona-Krise entlarvt all die weltanschaulichen Plastikprodukte als pseudoreligiösen Müll. In ähnlich herausfordernden Zeiten dichtete im 17. Jahrhundert Angelus Silesius: „Mensch werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht“.

Man erlebt im Moment, was wirklich wichtig ist im Leben. Und auch wir Christen sind gefordert, zu zeigen, dass wir an einen wirklich mitleidenden Gott glauben, dem wir nachfolgen, wenn wir uns nicht bloß darum bemühen, den Sonntagsgottesdient nun zu „streamen“, sondern wenn wir, wie es zum Beispiel der Erzbischof von Köln Kardinal Woelki angeregt hat, unsere Gemeinden in diesen Tagen vor allem auch als diakonische Gemeinden verstehen, wo jeder getaufte Christ verpflichtet ist, Menschen in Not zu helfen. Da könnten dann Konfirmanden Tätigkeiten bei den „Tafeln“ übernehmen, deren ehrenamtliche Helfer meist aus der „Risikogruppe“ stammen und besser zu Hause bleiben. Man kann ältere und einsame Menschen anrufen und fragen, ob sie Hilfe brauchen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Es gibt übrigens eine Institution, die seit 1500 Jahren höchst erfolgreich in Quarantäne lebt, nämlich der Benediktinerorden. Ein Benediktinermönch tritt in ein Kloster ein und bleibt sein ganzes Leben lang dort. Am Tag seines Eintritts sieht er schon den Platz, wo er eines Tages beerdigt wird. Die Benediktiner-Regel ist ein psychologisches Meisterwerk, denn es ist eben nicht einfach, jahrzehntelang mit denselben Menschen auf vergleichsweise engem Raum zusammenzuleben. Und diese Regel funktioniert bereits 1500 Jahre lang. Soeben hat der bekannte Benediktinermönch Anselm Grün dazu ein Buch mit dem Titel „Quarantäne – Eine Gebrauchsanweisung“ geschrieben. Davon können auch Atheisten lernen: Man kann zum Beispiel nicht von morgens bis abends miteinander reden, das hält niemand aus. Deswegen gibt es bei den Benediktinern das Schweigegebot über Tag und auch in der Familie ist es vielleicht gut, dass man sich nicht den ganzen Tag lang immer wieder anspricht, sondern sich auf eine bestimmte Zeit einigt, in der alle miteinander reden können. Außerdem ist es wichtig, dem Tag eine Struktur mit gewissen Ritualen zu geben. Es wird auf Dauer schwierig sein, wenn alle Familienangehörigen nur noch im Schlafanzug durch die Gegend laufen und jeder seinen eigenen Rhythmus hat. Aber es muss für jeden auch seine eigene Nische geben, in der ihn niemand stört.

Diese Corona-Krise ist ein welterschütterndes Ereignis, das keiner von uns jemals vergessen wird, und sie ist für jeden von uns eine Herausforderung an unsere Freiheit, aber auch an unser Vertrauen auf Gott, der uns gerade in der Not in seinen durchbohrten Händen hält.

Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Theologe, Vatikanberater und Buchautor. Er leitet seit 1997 das Alexianer-Krankenhaus in Köln. Cartellbruder Lütz ist Mitglied der KDStV Bavaria Bonn.