Published On: 31. August 2026Categories: Aktuelles

Salzburger Hochschulwoche 2026

Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone.

Wer sind wir und wer wollen wir sein?

Die diesjährige Salzburger Hochschulwoche SHW vom 3. bis 9. August widmete sich der Identitätsfrage aus verschiedenen Perspektiven, u.a. Religion, Politik, Soziologie, denn Identität kann zur Superkraft werden, wenn sie, wie es der Obmann der SHW Prof. Dr. Martin Dürnberger beschreibt, befähigt, mit den diversen Herausforderungen und Brüchen im Leben umzugehen, sie kann aber auch zur Problemzone mutieren, wenn sie andere und anderes abwertet, ablehnt und ausschließt.

Zu der je eigenen, einzigartigen Identität des Menschen mit seiner Seele gehöre im Christentum zum Menschen auch noch die Eigenschaft als soziales Wesen. Die menschliche Identität hänge daher immer auch mit der Beziehung zu seinen Mitmenschen zusammen, so der Erzbischof von Salzburg und Präsident der SHW Dr. Franz Lackner in seiner Eröffnungsrede.    
Für die Salzburger Dogmatik Professorin Dr. Franc Spies besteht die katholische Identität in einer dialogischen Offenheit, denn es gebe „keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht“. Sie nannte etwa die Anerkennung eines universalen Heilswillen Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele; das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit sowie der Einsatz für soziale Gerechtigkeit bzw. das Gemeinwohl.

In seiner Festansprache zum Abschluss der SHW warnte der Erzbischof von Paderborn, Dr. Udo Markus Bentz, vor Abschottung und Besitzstandsdenken: „Eine solche, sich abgrenzend verstehende kirchliche Identität findet Resonanz und Inspiration in politisch identitären Bewegungen.“ Vielmehr bedeute christliche Identität in einer pluralen Gesellschaft daher: „präsent sein, ohne zu vereinnahmen; Zeugnis geben, ohne zu zwingen; die eigene Hoffnung bekennen, ohne die Freiheit anderer zu bedrohen; sprechen, ohne andere zu übertönen; widersprechen, ohne zu zerstören; einladen, ohne zu vereinnahmen.“

Fragen der „moralischen Identität“ standen im Fokus des Hochschulwochen-Vortrags der Freiburger Psychologin Dr.  Isabel Thielmann. Dabei erläuterte sie, warum Menschen sich selbst meist als moralischer einschätzen als andere – und wie sie trotz fragwürdigen Verhaltens an diesem positiven Selbstbild festhalten bzw. welche Strategien sie nutzen, um mit dem Graben zwischen moralischem Selbstanspruch bzw. Selbstbild und der Realität umzugehen.

Der Berliner Soziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz erschloss das Thema Identität entlang der Leitidee der veränderten und komplexen Bedeutung des Erbbegriffs. War die klassische Moderne noch von einem ungebremsten Fortschrittsoptimismus geprägt, in dem die Idee eines gesellschaftlichen wie individuellen Erbes nur dann aufschien, wenn dieses Erbe der zukünftigen Entfaltung diente, so trete seit den 1970er Jahren und der Phase der Spätmoderne immer stärker die Last des Erbens in den Fokus. Angesichts der Konzentration auf negative Erbschaften, u.a. Klimakrise, Schuldenkrise, sei es wichtig, auch Aspekte eines „Positiv-Erbes“ neu wahrzunehmen. Dazu gehörten laut Reckwitz das reichhaltige kulturelle Erbe („cultural heritage“) ebenso wie institutionelle und infrastrukturelle Selbstverständlichkeiten, deren Wert heute neu erkannt werden sollte, u.a. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur, Ökonomie – letztlich Dinge, die heute das „Rückgrat des modernen Lebens darstellen.

Donald Trump geht vorbei, der Trumpismus wird bleiben!

Diese These vertrat der international renommierte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Heinisch, der neben der österreichischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Er schilderte das Netzwerk und die bis ins frühe 19. Jahrhundert reichende Vorgeschichte des amerikanischen Populismus, der letztlich auf Präsident Andrew Jackson (1767-1845) zurückgehe,  – „den Trump des 19. Jahrhunderts“, weiter über die Tea-Party  bis zur MAGA-Bewegung. Ziel dieser sei ein vollständiger Systemwechsel hin zu einer illiberalen Demokratie, um eine neue Politik des Ausnahmezustandes, des Autoritarismus, Anti-Liberalismus und einer klaren hierarchischen Ordnung, bei der auch Religion und Rasse eine Rolle spielen, zu installieren: „Die Bewegung hinter Trump verfolgt einen klaren, umfassenden Plan, der sich eine Basisbewegung zu eigen macht, Ideologie und Mythologie benutzt, die Übernahme staatlicher Institutionen anvisiert und einem klaren Führer-Prinzip folgt.“

Sollte dies gelingen, werde dies auch in Europa nicht folgenlos bleiben. Zugleich sollte man sich in Europa nicht der Hoffnung hingeben, dass mit einer Abwahl Trumps auch die hinter ihm stehende Bewegung enden wird: „Die USA werden auch künftig dysfunktional bleiben, weil der Trumpismus größer ist als Trump“.

Verleihung des Theologischen Preises für ein Lebenswerk
Mit dem Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen 2026 für ein Lebenswerk wurde die aus Österreich stammende Ordensfrau und Theologin Martha Zechmeister ausgezeichnet. Zechmeister sei eine „profunde Vermittlerin und Fürsprecherin der lateinamerikanischen Befreiungstheologie“, die die „Option für die Armen“ sowohl in der Theoriebildung als auch in der Praxis vorantreibe, hieß es in der Begründung der Jury, aus der der Obmann der Hochschulwochen, Prof. Dr. Martin Dürnberger, bei der Verleihung zitierte. Als Vertreterin einer „Mystik der offenen Augen“ stehe sie für einen „hellwachen Blick auf die bedrängenden Realitäten“ und für das „befreiende Potenzial der Botschaft Jesu“.

Verleihung der Publikumspreise für den wissenschaftlichen Nachwuchs
Den ersten Preis (1000 Euro Preisgeld) hat die Tübinger Theologin Dr. Barbara Engelmann gewonnen mit einem Vortrag über die Frage, wie Menschen „gesundes“ oder „behindertes“ Leben einteilen bzw. kategorisieren, dass Identitätsfragen immer auch Fragen von sozialen Zuschreibungen sind. Eine wirklich inklusive Gesellschaft könne jedoch erst dort entstehen, wo die Vielfalt und Diversität menschlicher Verkörperungen als gleichwertig anerkannt werden und Differenzen nicht unter dem Blickwinkel „zu kurierender Defizite“ betrachtet würden. „Wer wir sein wollen, entscheidet sich deshalb auch in den vielen kleinen Verschiebungen unserer Wahrnehmung von Normalität, Gesundheit und Behinderung und in der Bereitschaft, unsere eigenen Maßstäbe von Normalität kritisch zu hinterfragen“, so Engelmann.

Der zweite Preis, mit 500 Euro dotiert und gestiftet vom CV, gewann Philipp Müller. Er ging in seinem Vortrag den zunehmend instabilen Identitäten bzw. der Identitätssuche speziell bei Männern nach. Unter dem Druck sich auflösender Rollenbilder würden vor allem Männer vermehrt vor Identitätsproblemen stehen und Orientierung nicht selten in vermeintlich einfachen Antworten überkommener, von „harter Männlichkeit“ geprägten Rollenbildern suchen. Eine „reife Männlichkeit“ hingegen würde nicht in „Verhärtung“, sondern sich in Verantwortungsbereitschaft, Verlässlichkeit und Verletzbarkeit bestehen. Er plädiere daher dafür, Identität nicht als „festen Kern“, sondern als Beziehungsgeschehen“ zu betrachten.

Die mit dem dritten Preis (300 Euro, gestiftet vom UV) geehrte Paula Schütze beleuchtete Identitätskonzepte im Zusammenhang mit Herrschaftsansprüchen. Identität sei gewissermaßen ein „Januswort“: „Einerseits meinen wir damit das uns je Eigene, zum anderen meinen wir damit die Gleichförmigkeit des Vielen.“ Damit könne Identität immer auch politisch als Herrschafts-mittel missbraucht werden („Identitätspolitik“). Dagegen hielt Schütze mit dem Philosophen Theodor W. Adorno fest, dass Identität nichts Festes bzw. Feststellbares sei, sondern immer auch ein Moment der „Nichtidentität“ kenne. Die Frage „Wer bist du?“ könne daher nie eindeutig beantwortet werden, da sie immer durch neue Relationen auf ein buntes „Identitätsmosaik“ verweise.

Treffen der korporationsstudentischen Verbände

Der Bischof emeritus von Oslo, Bernt Eidsvig, informierte in seinem spannenden und authentischen Vortrag über die Geschichte und aktuelle Situation der katholischen Kirche in Norwegen. Über viele Jahrhunderte war Norwegen stark von Dänemark und der dortigen evangelischen Kirche geprägt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kehrte der katholische Glaube über Einwanderer und Ausländer nach Norwegen zurück. Im Rahmen einer begrenzten Religionsfreiheit gelang ein Wiederaufbau von Grund auf. Es waren vor allem Einwanderer, Händler, Diplomaten sowie Orden, die der Kirche ein norwegisches Gesicht gaben. Katholische Schulen wurden gegründet. Das zweite Vatikanische Konzil eröffnete eine neue Ökumene, die von vormals Distanz und Misstrauen zu einem nachbar-schaftlichen Miteinander geführt hat, das sich in gemeinsamer Arbeit für Gemeinden und Familien konkretisiert. Es geht um die Schaffung einer positiven Kultur als Minderheit. Die Kirche muss zeigen, was sie ist und leistet, Unterschiede müssen nicht verschwinden. Bekannten sich im Jahr 2005 lediglich 42.000 Menschen zum katholischen Glauben, so zählt heute die katholische Kirche Norwegens rund 170.000 Gläubige; sie ist damit die größte katholische Kirche in Skandinavien. Das Wachstum beruht zu großen Teilen auf Migration, nicht auf einer katholischen Tradition. Sie ist, so Bischof em. Eidsvig, gleichsam „ein Laboratorium der Weltkirche“ und vielfach eine von Laien getragene Kirche, klerikale Autorität bedeutet Dienen! Es gilt jetzt für die Kirche, den Platz in der norwegischen Gesellschaft aktiv zu gestalten und die unterschiedlichen Erfahrungen für die Zukunft zusammenzuführen.
Begleitet wurde Bischof Eidsvig von Oystein Lund, seit kurzem Rektor der katholischen St. Mary´s University, Konvertit wie der Bischof selbst und einer der sieben norwegischen Priester, die als verheiratete Pastoren katholisch geweiht wurden.

Anschließend besuchten die Studierenden das Internationale Studierendentreffen mit Verlosung von Eintrittskarten für die diesjährigen Salzburger Festspiele, während die Alten Herren den Abend bei gutem Essen und frisch Gezapftem in froher Runde im Stern-Bräu ausklingen ließen.

Die Salzburger Hochschulwochen 2027 finden vom 2.-8. August statt und widmen sich dem Thema: „Alles auf Anfang?! Die Kunst des Neubeginns“

Weiter Infos und Berichte zu den Hochschulwochen auf der Website der KAD: www.k-a-d.de

(MS)

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