Published On: 22. Oktober 2026Categories: Aktuelles

Dialogseminar der AGV in Berlin – Deutschland inmitten von Reformen und Epochenwechsel

Politische Ränder, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Rolle von Kirche und Religion: Beim Bundeshauptstadtseminar der AGV vom 6. bis zum 8. Oktober 2026 standen die großen Herausforderungen Deutschlands und Europas im Mittelpunkt.

Vom 6. bis zum 8. Oktober 2026 fand das Bundeshauptstadtseminar der AGV unter dem Leitthema „Deutschland inmitten von Reformen und Epochenwechsel“ statt. Die Vororte von UV, KV und CV sowie das Ringpräsidium des RKDB kamen in Berlin zusammen, um aktuelle politische, gesellschaftliche und religiöse Entwicklungen zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen die Reformfähigkeit des Staates, das Erstarken der politischen Ränder, der zunehmende Antisemitismus sowie die Rolle der Kirchen angesichts gesellschaftlicher Spaltungen. Insbesondere mit Blick auf die jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin wurde deutlich, wie sehr demokratische Institutionen, gesellschaftlicher Zusammenhalt und gemeinsame Werte unter Druck stehen.

Den Auftakt bildete ein Gespräch mit Dr. Mark Speich (RKDB), Generalsekretär der Konrad Adenauer-Stiftung (KAS). Im Zentrum standen die schwindende politische Streitkultur und die ausbleibende Profilierung der politischen Mitte. Beides wurde als ein möglicher Erklärungsansatz für die Erfolge der politischen Ränder diskutiert. Dabei stellte sich insbesondere die Frage, wie es gelingen kann, Wählerinnen und Wähler, die sich den politischen Rändern zugewandt haben, wieder für die demokratische Mitte zu gewinnen.

Diese Überlegungen wurden im anschließenden Austausch mit Bastian Hermission, Leiter des Bereichs Inland der Heinrich-Böll-Stiftung, vertieft. Er unterstrich die Bedeutung politischer Bildung, die bereits in jungen Jahren ansetzen müsse. Unter Beachtung des Überwältigungsverbots sei es wichtig, Jugendliche bereits ab 14 Jahren frühzeitig zu erreichen und ihnen Orientierung zu geben. Eine gemeinsame Wertebasis könne dabei nicht vorgegeben werden, sondern müsse im Dialog mit Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen entstehen.

Den Abschluss des ersten Seminartages bildete das Gespräch mit MdB Michael Brand (UV), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Im Mittelpunkt standen die Bundesfreiwilligendienste und der freiwillige Wehrdienst. Michael Brand hob die Chancen eines Dienstjahres für die Gesellschaft hervor – unabhängig davon, ob dieses im sozialen, ökologischen, sportlichen oder militärischen Bereich geleistet werde. Neben dem gesellschaftlichen Engagement könne ein solches Jahr insbesondere der beruflichen Orientierung dienen und dazu beitragen, die spätere Ausbildung oder das Studium gezielter auszuwählen.

Ein weiteres Thema war die Organspende. Brand sprach sich gegen eine Einführung der Widerspruchslösung aus und plädierte stattdessen für eine vertiefte ethische Auseinandersetzung mit dem Thema. Zugleich rief er dazu auf, bestehende Informations- und Entscheidungsangebote wie das Online-Register oder Organspendeausweise zu nutzen und eine bewusste persönliche Entscheidung zu treffen.

Der zweite Seminartag begann im Auswärtigen Amt mit Botschafter Carsten Wilms, Referatsleiter für Religion und Außenpolitik. Dabei wurde die Bedeutung von Religion für die diplomatische Arbeit deutlich. Kirchen und Religionsgemeinschaften könnten weltweit gemeinsame Werte vermitteln und Brücken zwischen Gesellschaften bauen. Ihre Handlungsmöglichkeiten reichten dabei mitunter über die Möglichkeiten staatlicher Akteure hinaus. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Staaten könne deshalb einen entscheidenden Beitrag zur Verständigung und zum internationalen Miteinander leisten.

Im Anschluss trafen die Vororte und die AGV im Deutschen Bundestag auf MdB Paul Ziemiak (CDU). Das Gespräch widmete sich der Frage, welchen Einfluss der persönliche Glaube auf die politische Arbeit hat. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit könne der Glaube ein identitätsstiftendes Element sein und Orientierung geben. Politik müsse Bedürfnisse ernst nehmen, konkrete Ziele formulieren und überzeugende Zukunftsvisionen entwickeln. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehe dabei nicht allein durch Worte, sondern vor allem durch entschlossenes Handeln.

Nach einer heiligen Messe in der Krypta der St.-Hedwigs-Kathedrale mit Pfarrer Stefan Scheele führte das Seminar zu S. E. Erzbischof Dr. Heiner Koch (CV, UV). Mit Sorge blickte dieser auf die jüngsten Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und Berlin sowie auf Bestrebungen politischer Ränder, den Staatskirchenvertrag aufzukündigen. Besonders für Kirchen in der Diaspora könne dies weitreichende Folgen haben. Zugleich machte er deutlich, dass Kirchen gesellschaftliche Entwicklungen nicht beliebig steuern könnten. Kirchenaustritte und neue Formen der Hinwendung zum Glauben seien Ausdruck komplexer gesellschaftlicher Dynamiken, die sich nicht allein durch kirchliches Handeln beeinflussen ließen. Dennoch bestehe die Möglichkeit, Menschen durch prägende gemeinschaftliche Erlebnisse neu für den Glauben zu begeistern. Mit Blick auf den Weltjugendtag 2005 in Deutschland stellte sich die Frage, ob ein vergleichbares Ereignis auch künftig neue Impulse für die katholische Kirche setzen könnte.

Am 7. Oktober jährte sich der Überfall der Hamas auf Israel zum dritten Mal. In Berlin fanden aus diesem Anlass zahlreiche Kundgebungen, Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Besonders eindrücklich erschien dahingehend das Gespräch mit Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD). Er berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen mit dem 7. Oktober 2023 und dessen Folgen für das jüdische Leben in Deutschland. Besonders die Situation an Universitäten bereite Sorgen. Ron Dekel schilderte, wie jüdische Studierende nach dem Überfall angesichts zahlreicher propalästinensischer Veranstaltungen zunehmend das Gefühl entwickelt hätten, mit ihren Ängsten und Anliegen allein gelassen zu werden.

Mit Blick auf die Wahlen in Berlin und Sachsen-Anhalt äußerte er zudem die Sorge, dass der Schutz von Synagogen, jüdischen Gemeinden und weiteren Einrichtungen infrage gestellt werden könnte. Die Angst vor wachsendem Antisemitismus sei inzwischen so groß, dass innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zunehmend die Frage aufkomme, ob ein sicheres Leben in Deutschland langfristig noch gewährleistet werden könne.

Die außenpolitischen Herausforderungen standen im Mittelpunkt des Gesprächs mit Sigmar Gabriel (SPD), Vorsitzender der Atlantik-Brücke. Diskutiert wurden die Verschiebungen internationaler Handelsrouten, die sicherheitspolitische Lage Europas und die Rolle der Vereinigten Staaten innerhalb der NATO. Der ehemalige Vize-Kanzler verwies auf die zunehmende Bedeutung des Indopazifiks gegenüber dem transatlantischen Raum. Diese Verschiebung trage dazu bei, dass sich die USA strategisch stärker auf China konzentrierten. Für Europa stelle sich deshalb umso dringlicher die Frage, wie es seine eigene Handlungsfähigkeit und sicherheitspolitische Verantwortung stärken könne. Angesichts der Bedrohung durch Russland sei es entscheidend, dass Europa eigenständiger auftrete und mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehme.

Den Abschluss des Bundeshauptstadtseminars bildete das Gespräch mit MdB Pascal Reddig (CDU), Vorsitzender der Jungen Gruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Im Mittelpunkt standen die Generationengerechtigkeit und die Frage, wie junge Politiker ihre Anliegen gegenüber erfahreneren Entscheidungsträgern durchsetzen können.

Er verdeutlichte, dass neue Ideen und der Mut, bestehende Positionen infrage zu stellen, wichtige Voraussetzungen für politischen Wandel seien. Entscheidend sei dabei, die eigenen Überzeugungen beharrlich zu vertreten und sich aktiv in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Als Beispiel führte er den Einfluss der Jungen Gruppe auf die Rentenreform an. Das Gespräch machte deutlich, dass Generationengerechtigkeit nicht allein eine Frage politischer Absichtserklärungen ist, sondern konkrete Mitgestaltung und Durchsetzungsfähigkeit erfordert.

Das Bundeshauptstadtseminar zeigte einmal mehr, wie eng politische, gesellschaftliche und religiöse Fragen miteinander verwoben sind. Ob es um die Reformfähigkeit des Staates, die Herausforderungen für die demokratische Mitte, den Schutz jüdischen Lebens, die Rolle der Kirchen oder die sicherheitspolitische Zukunft Europas geht: Tragfähige Antworten setzen den offenen Austausch unterschiedlicher Perspektiven und die Bereitschaft zu konkretem Handeln voraus. Gerade in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen bleibt der Dialog eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Text: Alicia Isabelle Müller; Foto: AGV/Schneider.

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